Privates Vergnügen unterm Kaiserstein (2061m)

Veröffentlicht von am Mrz 1, 2014 in Rax-Schneeberg-Gruppe, Skitouren | Keine Kommentare
Privates Vergnügen unterm Kaiserstein (2061m)

Allein unterwegs, war ich empfänglicher für die äußeren Eindrücke. Das Wetter machte verheißungsvolle Gesten, Firn war in Sicht und ich allein auf dem Weg von Losenheim in die Breite Ries. Breit ist das nach Osten ausgerichtete Kar am Schneeberg allemal und darüber hinaus kann man meist über 800 Höhenmeter über das Kar aufsteigen und noch besser: es auch abfahren. Im oberen Bereich, gespickt mit zahlreichen Varianten über eine der Rinnen linker oder rechter Hand, kann man je nach Verhältnissen und Gusto auswählen. Nun, all das dürfte vermutlich dafür verantwortlich sein, dass die Breite Ries – der Ausgangspunkt ist in ca. 1 1/4 Stunden von der Wiener Innenstadt mit dem Auto zu erreichen – als eine der beliebtesten Frühjahrstouren für die Wiener Alpinisten- und Freiluftschar geradezu magische Anziehungskraft besitzt.

(c) Gerald Radinger

Monotoner Zustieg

Dieser Anziehungskraft bin auch ich, spätestens seit meiner ersten Teilbefahrung der Vestenkogel Ostflanke, verfallen. Die eineinviertel Stunden Anfahrt waren quasi bereits in das heutige Tourenerlebnis investiert, nach knappen 10 Minuten auf der Skipiste bergauf in Richtung Edelweißhütte weist ein gelber Pfeil den Weg: Breite Ries steht dort zu lesen, keine Zeitangabe, keine Markierungsnummer – gar nichts. Braucht es mehr Worte, um einen Mythos zu umschreiben?

(c) Gerald Radinger

Puchberg hoch über dem Nebel im Wiener Becken

Nun geht es etwas monoton leicht ansteigend entlang einer Forststraße. An deren Ende führt mich ein Weg zuerst steiler aufwärts und dort wo es flacher wird mag ich die Ries schon erahnen. Hinter den Bäumen alles weiß, bis oben hin. Noch ein paar Meter zum Grafensteig, diesem nach links folgend um die letzte Kurve und – tara! – hier liegt sie vor mir. Einfach lässig! Trotz des frühen Aufstehens und der Anreise bin ich nicht der Erste. Einsam windet sich im Westalpenschritt ein Skibergsteiger in vielen Kehren den Mittelteil hoch. Ich werde ihm in Kürze folgen. Noch einen Schluck vom heißen Tee, denn ganz so warm, wie es zu werden versprach ist es dieses Mal doch nicht. Eine kalte Brise weht über die Ostseite ins Tal.

(c) Gerald Radinger

Kaiserstein (2061m) ganz links, darunter (jeweils nach rechts aufwärts führend) Private Ries und Breite Ries. Rechts der Bildmitte: Vestenkogel (1974m)

Weiter geht’s, es sind noch einige Höhenmeter zu verspeisen. Ich mach mich ans Werk und lege ein gutes Tempo vor. Es ist irgendwie zach heute, der Wind peitscht in kurzen Abständen über mich. Das war so nicht ausgemacht! Weiter oben schnalle ich die Skier ab und binde sie auf meinen Rucksack – der Wechsel auf die Steigeisen und weiter, immer weiter. Der Wind knallt mir ordentlich eins an die Backen und die Skier ziehen ins Tal – was ist aus diesem sonnigen Tag nur geworden?

(c) Gerald Radinger

Arktische Kälte im oberen Teil. Unten im Becken: Neunkirchen im Nebel.

Wenn der Skitourengeher nicht links oberhalb irgendwo in der Wand hängen würde und ich manches Mal stehenbleibe um ihn dabei zu fotografieren, wie er versucht über eine heikle felsendurchsetzte Stelle zu gelangen, dann würde es sich anfühlen, als wäre ich mutterseelenallein auf Expedition in Grönland. Und all das knapp eine Autostunde von der Wiener Stadtgrenze entfernt. Hab ich schon geschrieben, dass es lässig hier ist? Kein Wunder, dass die halbe Skitourenschaft aus Wien und Umgebung hier anreist, um im Frühjahr über die Breite Ries zu rutschen.

(c) Gerald Radinger

Rote-Schütt-Flanke in der Bildmitte. Links daneben: Vestenkogel (1974m)

Ich bin mittlerweile im oberen Bereich angelangt. Rechts habe ich die Rote-Schütt-Flanke und die Vestenkogel Ostwand hinter mir gelassen und im eher unübersichtlichen Gewirr aus Felszacken, Rinnen und Rippen links von mir führt irgendwo die Quellensteigrinne und die Narndattlrinne empor. All diese Abfahrten sind bis zu 50° steil und ev. mehr und sind absolut sicheren Fahrern vorbehalten. Ein Sturz kann hier fatale Folgen haben.

(c) Gerald Radinger

Einsam in den Rieswänden

Die Originaleinfahrt in die Breite Ries ist die einfachste Abfahrt ins opulente Kar. Sie ist mitunter relativ flach und breit, und perfekt für angehende Steilrinnenafficionados – vorausgesetzt die Bedingungen passen. An diesem Tag entscheide ich die Gunst der Bedingungen zu nutzen um links neben der Breiten Ries in der Privaten Ries aufzusteigen. Der schmäler werdende Schlauch führt zuerst sehr steil und teils auf blanken Eis direkt unter die Gipfelmauer des Kaisersteins. Zuletzt nach rechts und auf einer breiteren Rampe und über die Gipfelwechte auf die Hochfläche. Von dort wenige Meter nach links zum Kaiserstein.

(c) Gerald Radinger

Links gehts in die Private, rechts in die Breite Ries.

Wer hat dort schon einmal gestanden und in den Einfahrtsbereich der Privaten Ries geschaut? Vielleicht sogar dann, wenn jemand abgefahren ist? Mir kam bisher nur “Hasadeur” in den Sinn, wenn ich dort hinüber geschaut habe. Jetzt bin ich eben durchgestiegen und muß feststellen: Die Rampe unter der Einfahrt ist vergleichsweise Flach zu dem, was im sehr engen Mittelteil noch wartet. Die Einfahrt selbst ist aufgrund der Überwechtung etwas tückisch. Aber so schlimm, wie es aussieht ist es allemal nicht. Die Bedingungen würden passen, dennoch: Das Wetter ist gelinde gesagt nicht so optimal und ich bin alleine unterwegs. Somit geht es für mich heute die Breite Ries hinunter. Was ich noch nicht weiß, doch bald erfahren sollte: Es ist brettlhart und über weite Passagen blank. Das braucht so viel Kraft und ist gleichsam alles andere als ein Genuß beim Fahren.

(c) Gerald Radinger

Im Mittelteil der Privaten nach der Engstelle.

Erst weiter unten konnte die Sonne ein bisschen auf die Kristalle einwirken und einen schönen Firn hinzaubern. Am Ende der Ries stoppen die Latschen das Weiterkommen und allmählich wäre es auch mit dem Schnee vorbei. Dieser Winter – eh schon wissen. Da kommen mir zwei Skitourengeher entgegen und fragen mich Löcher in den Bauch, wo es genau hinauf ginge und ob die Ausrüstung, die sie mithätten, auch ausreichend wäre. Nun, ich erklär es Ihnen wo es hinauf geht – selbstredend und spreche auch Warnungen hinsichtlich Aufstieg und vor allem der Abfahrt über die blanken Passagen aus, denn sie wirken eher unerfahren. Man könnte sie getrost zu jener Hälfte der Skitourenschaft zählen, die einmal in die Breite Ries einfahren oder gar darin aufsteigen wollen. Hoffentlich verstehen sie das, was ich von mir gebe – mein Kiefer ist von den artkischen Verhältnissen in der Privaten und am Plateau festgefroren. Sie mögen es mir verzeihen, mich im schlimmsten Falle für einen wahnsinnigen Hasadeur halten. Ich verüble es Ihnen nicht, denn landschaftlich ist es unvergleichlich – hier in der Breiten Ries.

(c) Gerald Radinger

In der Austiegsrampe unterhalb der Wechte: Ich fahr dann doch lieber in die Breite Ries.

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