Into the wild! Wandern im Aurlandsdalen

Into the wild! Wandern im Aurlandsdalen

Wie immer in Norwegen, ist es mit dem Wetter so eine Sache und weil sich spontan ein “Fenster” auftut, beschließen wir kurzum die klassische Tour von Finse nach Aurlandsdalen zu machen. Beim “Fenster” handelt es sich um 2 Tage an denen kaum Regen angesagt ist und sich auch einige Sonnenstrahlen in der Wettervorhersage abzeichnen, eine richtige Schönwetterphase angesichts des sonst eher verregneten Sommers.

Der Zug bringt uns in 2.5 Stunden von Bergen auf 0m bis auf 1 222m nach Finse, welches in der Hardangervidda liegt (von dem Hochplateau hab ich hier schon mal erzählt). In Norwegen war es heuer ein sehr schneereicher Winter und Finse liegt noch gut eingebettet in Schnee und eine frische Brise verstärkt das Wintergefühl noch mehr. Tapfer stapfen wir los in Richtung Norden, der Rucksack fast 20kg und voll mit Campingausrüstung und Leckereien. Leiden soll hier ja schließlich niemand. Vor uns liegen 3 Tage wandern, insgesamt 50 km welche zum Meeresniveau führen, aber dazwischen mit vielen kurzen, knackigen Anstiegen gespickt sind.

Die Karte mitsamt Höhenprofil gibt es wie immer im Tourenportal meines Vertraues. Eigentlich werden dort 4 Tage für die Tour empfohlen, da wir aber das Zelt dabei haben und somit unabhängig von Hütten sind, wollen wir die Wanderung in nur 2.5 Tagen machen. Um die Motivation noch etwas zu steigern, haben wir uns für die Rückfahrt schon Fahrscheine für das Boot von Flåm nach Bergen gekauft. Wir nehmen uns vor, die ersten zwei Tage jeweils gute 20 km zu schaffen um am letzten Tag nicht in die Bredouille zu kommen und gar unser Boot zu verpassen.

Bernadette Pree

Finse auf 1222m, nur erreichbar per pedes oder Zug. Unsere erste Etappe ist die “Geiterygghytta” in 16 km.

Bernadette Pree

Auf gehts: von der weiten Landschaft der Hardangervidda bis ins wilde, bedrohliche, steile Aurlandsdal.

Tag 1 unserer Tour führt uns zuerst auf den höchsten Punkt unserer gesamten Wanderung, dem Sankt Pål (1695 m) und dann stetig bergab bis zur Geiterygghytta auf 1224 m (16 km von Finse- Geiterygghytta). Diese wollen wir passieren und noch 2-3 Stunden weiter wandern, um unsere Tagesziel von 20 km zu erreichen.

Jetzt hören sich 20 km pro Tag gar nicht so schlimm an, wenn man ja sonst nichts anderes zu tun hat, als den einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wäre da bloß nicht der viele Schnee, der beim Gehen immer wieder etwas nachgibt und die vielen Flüsse mit schwindligen Brücken, handgemacht oder aus Schnee, welche entweder umgehen werden wollen oder nur mit viel Gutem Zureden überquert werden können. Außerdem bin ich mit meiner Freundin Julia unterwegs, ihres Zeichens ebenso Biologin und zu zweit können wir das Studieren der Pflanzenwelt einfach nicht bleiben lassen und obwohl wir auf dem Breitengrad und der Höhe wo wir uns befinden, nicht viel mehr als Moose und Flechten zu sehen kriegen, können wir uns darin richtig verlieren. Wir sind gespannt, was wir am Ende des Tages schaffen und lassen uns während dem Gehen einfach auf unserem eigenen Rhythmus und die Natur rund um uns ein.

Die vom Wetterdienst versprochene Sonne zeigt sich den ganzen Tag lang kaum, stattdessen tröpfelt es hin und wieder aus dem Nebel. Der Weg ist immer gut mit Stöcken markiert und die Landschaft rund um uns wirkt auf uns wie aus dem Kinderfilm “In einem Land vor unserer Zeit“. Es fehlen nur noch die Dinosaurier.

Bernadette Pree

Biologen auf Tour. Eines der vielen Detailfotos von Moosen und Flechten auf der Hardangervidda.

Bernadette Pree

Der Sommer will nicht so recht einkehren, umso schöner die Schneeformationen entlang unseres Weges.

Bernadette Pree

Sommer in Norwegen.

Bernadette Pree

Das lange Warten auf den Sommer auf der Hardangervidda. Dieses Jahr wird der Schnee wohl liegen bleiben und die Seen gefroren bleiben.

Nach 8 Stunden kommen wir zur Geiterygghytta und somit auch in die Zivilisation, weil dorthin eine Strasse führt. Trotzdem ist die Aussicht auf den teils noch gefrorenen See (Geitryggvatnet) sehr idyllisch, rau und winterlich. Wir vergnügen uns mit den dort herumlaufenden Hühnern, knipsen ein paar Bilder, werfen noch eine Rippe Schokolade ein und ziehen weiter. Immerhin wollen wir noch 2-3 Stunden weiter bevor wir uns in den Schlafsack verkriechen.

So wandern wir weiter bis wir an einen Fluss kommen, dessen Brückenkonstruktion an keine technische Höchstleistung erinnern lässt und nur wenig Vertrauen in uns weckt. Die Brückenbalken sind durchgebrochen, irgendwie mit 5/8 Latten geschient und eine Plastikschnur behelfsmäßig als Geländer angebracht. Der Wasserstrom unter der Brücke ist zu kalt, tief und reißend um auf Risiko zu gehen. Weit und breit keine Schneebrücke in Sicht. Wir setzen auf Kneipp Naturheilkunde und waten an einer flachen, dafür umso breiteren Stelle durchs Wasser. Es ist so kalt, dass wir froh sind es irgendwie ans andere Ufer schaffen, wo es dann so richtig in den Füssen brennt. Gut für die Durchblutung, laut Herrn Kneipp.

Das Abendessen, Kaffee und noch mehr Schoko haben wir uns nach fast 10 Stunden und der Flussdurchquerung verdient. Das Gefühl nach so einem langen Tag in den Schlafsack zu kriechen, ist ein so gutes!

“Die Hardangervidda als Schlafzimmer zu haben ist ein wahrer Luxus!”

Bernadette Pree

Das Bild beschreibt kaum, wie wenig stabil diese Brücke in Wirklichkeit war. Nur für Risiofreudige!

Bernadette Pree

Draußen daheim, und alles dabei was wir brauchen. Friluftsliv (norwegisch für draußen sein) in der Hardangervidda.

Bernadette Pree

Naturschauspiel zum Staunen und entschleunigen.

Tag 2 unserer Tour führt uns weiter von der Hardangervidda runter ins Aurlandsdal, in welches wir heute so weit wie möglich reingehen wollen. Gut ausgeschlafen und mit etwas geschwächter Form vom Vortag geht es weiter. Heute geht die Tour großteils bergab und die Schneefelder werden immer weniger, zur Freude meiner Füsse in den nassen Schuhen. Je weiter wir absteigen, desto üppiger wird die Landschaft und anstatt von Lemmingen (meistens in toter Form) treffen wir jetzt auf Schafe, die es sich im Gebüsch gut gehen lassen.

“Das besondere an dieser Tour, ist die Veränderung von der weiten, flachen Landschaft der Hardangervidda ins enge, steile und bedrohliche Tal.”

Zudem scheint heute wirklich die Sonne und die wollen wir natürlich gut nutzen. Der heutige Tourenverlauf ist gespickt mit vielen Hütten als Etappenziele, schon nach 3 Stunden passieren wir  Steinbergsdalshytta, nach weiteren 3 Stunden Grønestol und gleich darauf Østerbø. Dann geht das richtige Aurlandsdalen und unsere Vorfreude darauf nimmt mit jedem Schritt zu!

Bernadette Pree

Aurlandsdalen Empfangskomitee.

Bernadette Pree

Blick ins Tal, das Wasser schaut nur allzu verlockend aus.

Bernadette Pree

Dirty hiking in Norwegen.

Um 7 Abends stehen wir jetzt in Østerbø, von dort aus beginnt der schönste Teile der Tour. Um die Zeit sind kaum mehr Wanderer unterwegs und wir haben die Bilderbuch Landschaft ganz für uns alleine. Oder zumindest fast, wären da nicht die vielen Gelsen, die sich alle auf uns stürzen. Diese Plage hat allerdings den Vorteil, dass wir so flott gehen, fotografieren und rasten, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, unser Boot am nächsten Tag zu erwischen.

Die Landschaft im Aurlandsdal erinnert mich ans Hintergebirge im heimatlichen Oberösterreich. Vor allem die tiefen Schluchten entlang vom Fluss und die grüne Farbe vom Wasser sind dem Reichramingbach sehr ähnlich, nur ist alles hier noch eine Spur wilder und mächtiger.

Nach weiteren 3 Stunden wollen unsere Beine wirklich keinen Zentimeter weiter und wir schlagen unser Zelt auf einer Felsplattform hoch über dem Fluss und zwischen 2 recht beeindruckenden Felswänden auf. Aufs Abendessen verzichten wir, weil wir einfach zu müde sind und uns nicht mehr mit den Gelsen herumschlagen wollen. Nur schnell Wasser holen, Zähneputzen und ab ins sichere Zelt mit Mosquitonetz.

Bernadette Pree

Ansichtskarten Motiv mit Norwegen Klischee.

Bernadette Pree

Wilde Wasserfälle, mystische Sümpfe, steile Felswände mit bedrohlich hervorstehenden Felsblöcken – das ist Aurlandsdalen.

Tag 3, wir wachen von dem Geräusch von Regen auf dem Zelt auf. Die Freude darüber hält sich in Grenzen, aber uns bleibt ja gar nichts anderes übrig als raus zu gehen, das Boot geht ja schon in ein paar Stunden! Los gehts, die letzten 11 km stehen noch an. Komplett in Regengewand eingehüllt, packen wir zusammen, zum Glück hat der Regen auch die Gelsen vertrieben.

Obwohl wandern im Regen jetzt generell nicht so lässig ist, ist es hier sehr stimmungsvoll: Regenwolken zaubern die Landschaft in eine mystische Stimmung, Regentropfen an den Pflanzen glitzern und die Vegetation wirkt noch grüner, als sie ohnehin schon ist. Wir gehen immer dem Fluss entlang, der immer gewaltiger wird, weil weitere Flüsse dazu fließen.  In manchen Abschnitten liegen riesige Steinblöcke darin, und wir fragen uns, wie oft wohl solche Kolosse hier runterfallen.  Jedenfalls ist uns klar, wie klein und schutzlos wir gegenüber solchen Naturgewalten sind. Trotzdem gab es im Aurlandsdalen früher bewirtschaftete Almen, welche zum Teil noch sehr gut erhalten sind, wie beispielsweise Sinjarheim, wo wir noch eine Pause einlegen und uns für einen kurzen Moment vorm Regen in Schutz nehmen.

Die letzten paar Kilometer gehen richtig schnell, und wir lassen uns von der immer offener werdenden Landschaft in Empfang nehmen.

Bernadette Pree

Wandern im Regen. Schön wars!

Bernadette Pree

Regentropfen versüßen jede Nahaufnahme!

Bernadette Pree

“Wie im Hintergebirge!”

Bernadette Pree

Sinjarheim. Ein ehemaliger Bauernhof der heute noch gut erhalten wird.

Bernadette Pree

Zum Schluss vom Aurlandsdalen wartet noch eine erfrischende Dusche.

An der Bushaltestelle in Vassbyggdi, dem Endpunkt der Wandertour, kochen wir nochmal so richtig auf, und geben, nicht ganz ohne Stolz, ankommenden Wandersleuten unsere Erfahrungen weiter.

Jetzt noch eine kurze Bustour nach Flåm, wo uns dann das Boot in 6 Stunden nach Bergen bringt. Eine sehr lohnende Norwegen Rundreise in nur 3 Tagen!

Takk for turen!

 

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