
Europa. Wo beginnt der Kontinent und wo endet er? Auch gegenwärtig eine der heftigsten Debatten innerhalb und außerhalb der Europäischen Union die Historiker gleichermaßen wie Politiker und Geologen sowie Geografen und die Religionsgemeinschaften interessieren. Wo würde man die “Grenze” ziehen. Vermutlich jeder wo anders. Wo genau liegt dann eigentlich der 5.642 m hohe Elbrus im russischen Kaukasus?
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Jens Jäger in dem im Oktober 2008 erschienen Buch zum besagten Berg. Der Band 244 der renommierten Reihe im Conrad Stein Verlag ist somit seit Jahren wieder das erste literarische Werk über den doppelgipfeligen Vulkankegel. Die Konzeption eines eigenen europäischen Kontinents, abgesondert von Eurasien, setzte sich im historischen Diskurs zwar durch. Wo aber genau Europa endet und Asien beginnt konnte nicht geklärt werden, denn das ist, wie Eingangs bereits angeschnitten, je nach Standpunkt und Blickwinkel unterschiedlich.
Unter Bergsteigern besitzt die wissenschaftliche Argumentation keine Relevanz, so Jäger. Vom Elbrus als höchsten europäischen Berg zu sprechen hat sich in den 80er Jahren durchgesetzt und somit wurde ohne größerer Intention eine eigene Konstruktion von “Europa” formuliert. Maßgeblich dafür verantwortlich ist der US-Amerikaner Frank Wells, der den Begriff der “Seven Summits” erfand. Davor sprach man noch von den fünf höchsten Bergen auf den fünf Kontinenten: Kilimandscharo, Mount McKinley, Aconcagua, Mount Everest und Mont Blanc. Dick Bass bestieg zwischen 1983 und 1985 gemeinsam mit Frank Wells (der am Everest scheiterte) als Erster die besagten Gipfel der fünf Kontinente und erweiterte die Liste um Mount Vinson (für die Antarktis) und um Mount Kosciusko (für Australien). Für aufmerksame Beobachter stellt sich die Frage, wo der Elbrus hier mitspielt? Wells und Bass bestiegen den Elbrus in englischer Tradition anstatt des Mont Blancs. 1874 wurde der Westgipfel des Elbrus durch eine britische Expedition “erobert” und seitdem wird er in anglo-amerikanischen Bergsteigerkreisen als höchster Punkt des Kontinents gesehen. Weiters zählt heute die bergsteigerisch viel interessantere Carstenz-Pyramide in Indonesion als höchster Berg Australiens/Ozeaniens und wird im Zuge der Seven Summits bestiegen.
Durch die Buchveröffentlich von Wells und Bass zusammen mit Ridgeway entwickelte sich der Begriff der “Seven Summits” rasch zum Schlagwort und wurde ständig neu aufgegriffen. Was damals als bergsteigerische Leistung zählen konnte, wird heute als Pauschalreise auf diese Gipfel veranstaltet. Außergewöhlich positives Beispiel der Seven Summits-Besteigung ist der Admonter Christian Stangl, der sich selbst als Skyrunner bezeichnet und an fünf der sieben Gipfel den Weltrekord hält. Das ist aber eine andere Geschichte.
Jens Jäger schließt die Einführung mit einem Rat ab: Bergsteiger, die sicher gehen wollen auf dem höchsten Berg Europas gestanden zu haben, wird nichts anderes übrig bleiben als Mont Blanc und Elbrus gemeinsam zu besteigen. Für die individuelle Besteigung des Elbrus hat Jäger ein detailgenaues Buch mit sattem Informationsteil vorgelegt. Die für Besteigungen übliche Südroute wird ebenfalls beschrieben. Leider wurden keine anderen Aufstiegsmöglichkeiten in das Buch aufgenommen, denn das Elbrusmassiv bietet weit mehr als die über Seilbahnen und Lifte verlaufende Standardroute auf den Westgipfel. Ich freue mich auf die zweite, und hoffentlich erweiterte, Auflage.
Outdoor Handbuch Band 224 “Russland: Elbrus” von Jens Jäger ist 2008 im Conrad Stein Verlag (Welver) erschienen und im Buchhandel erhältlich: € 9,90 [D] / € 10,20 [A]. ISBN: 978-3-8668-6244-9, 124 Seiten, 1. Aufl. 2008



































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