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Im Disneyland der Spiritualität

Für Massentourismus nimmt Spanien sogar die Vermarktung seines heiligsten Gutes in Kauf. Im heurigen “Heiligen Compostelischen Jahr” wird auf dem Jakobsweg ein enormer Pilgeransturm erwartet.

Ignacio Santos sieht kurz von seinem Arbeitsplatz auf und blickt durchs Fenster. Am Horizont ragen die spitzen Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela durch eine grauschwarze Wolkendecke. Es regnet wieder einmal in der galicischen Hauptstadt.

Santos verzieht die Augenbrauen. Seine Augen sind müde, doch der hagere Spanier macht sich wieder an die Arbeit. Es gibt noch viel zu tun, denn 2010 ist Xacobeo , ein Heiliges Compostelanisches Jahr. Und Santos ist Generaldirektor des Organisationskomitees für dieses Ereignis.

Kompletter Sündenablass

Ein Xacobeo findet nur dann statt, wenn der Tag des Heiligen Jakob, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt. Für gläubige Katholiken ein besonderer Anlass, da die katholische Kirche in solchen Jakobsjahren einen vollständigen Sündenablass gewährt. Vorausgesetzt, der gute Christ findet den Weg nach Santiago zum Grab des Heiligen Jakob, betet, beichtet und empfängt die Kommunion während der Pilgermesse. Insgesamt werden 2010 über zehn Millionen Besucher in Santiago de Compostela erwartet.

Da der Sündenablass oftmals mit einer Pilgerreise am Jakobsweg verbunden wird, erwartet die Region Galicien und insbesondere den Wallfahrtsort Santiago dieses Jahr einen enormen Ansturm. “Wir rechnen mit mindestens 240.000 Pilgern”, verkündet Santos stolz und fuchtelt dabei wild mit den Armen in der Luft. Er spricht sehr schnell, um keine Zeit zu verlieren. “Die Hälfte davon werden ausländische Pilger sein, vorwiegend aus Deutschland, Italien und Frankreich. Aber schon langsam kommen auch immer mehr Menschen aus Brasilien, Kanada und Südkorea zu uns.”

Nicht ganz so viele Pilger wie im 12. Jahrhundert, in der Blütezeit des Jakobsweges, als rund 400.000 Pilger jährlich unterwegs gewesen sein sollen, um das Grab des Heiligen Jakob aufzusuchen. So wie heute wurde auch damals schon viel Rummel um den Pilgerweg gemacht. Nachdem der Camino über einige Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war, ist er seit Beginn der 1990er Jahre wieder in aller Munde. Wandern ist “in” und außerdem gesund, der mystisch-magische Jakobsweg angesagt und reizvoll, ungeachtet von Alter, Herkunft und Motiv.


Steinfiguren weisen den Weg zum Pilgerziel, nach Santiago de Compostela.
Foto: Zinggl

Für den rasanten Anstieg von mageren 200 (1980) über 5000 (1990) bis zu 55.000 Pilgern (2000) ist nicht nur die mediale Promotion des Xacobeo im In- und Ausland verantwortlich. Als “Vater der Wiederentdeckung” nennt Santos den bereits verstorbenen Pfarrer Elias Valiña, der als Initiator mit dem bedeutenden Kongress in Jaca Ende der 80er Jahre die soziale Bewegung “Erste europäische Kulturstraße” startete. Valiña malte persönlich die gelben Pfeile entlang des Weges auf, um damit, nach eigener Aussage “eine große Invasion vorzubereiten” – wie sich zeigt, mit Erfolg.

Uralte Tradition

Anfang der 90er Jahre vermischte sich der soziale Gedanke mit politischem, kirchlichem und ökonomischem Interesse. Die UNESCO erklärte den Camino Francés zum Weltkulturerbe. Private und staatliche Fördergelder flossen vor allem in die wirtschaftlich vernachlässigte und abgelegene Region Galicien. Die autonome galicische Regierung erkannt die Chance und investierte: Alte Gasthäuser wurden renoviert, neue Herbergen sowie Spitäler und Klöster errichtet, vergessene Wege rekonstruiert, gereinigt, gut beschildert und schließlich erfolgreich touristisch vermarktet. Das Heilige Compostelanische Jahr 1993 wird erstmals als Xacobeo ausgerufen.

Der Besuch von Papst Johannes Paul II. in den achtziger Jahren erinnerte die Katholiken daran, dass es sich beim Jakobsweg auch um eine uralte christliche Tradition handelt. Sowohl der brasilianische Autor Paulo Coelho, als auch (überraschenderweise) der deutsche TV-Komödiant Hape Kerkeling sorgten mit dem Erfolg ihrer “spirituellen” Bestseller für gewaltige Popularität unter Nicht-Katholiken.

“Historisch gesehen gibt es allerdings keinen Beweis, dass der Heilige Jakob jemals in Spanien war”, behauptet José-Miguel Andrade, Historiker und Professor an der Universität Santiago. Genauso wie der österreichische Soziologe Roland Girtler ist der sympathische Spanier der Überzeugung, dass das Jakobsgrab bloß eine Erfindung gewesen sei, um Anerkennung beim Papst zu finden. Während Girtler herausstreicht, dass es sich dabei um einen Akt kirchenpolitischer Machtausübung handelte und darum, eine Symbolfigur für die Reconquista zu schaffen, meint Andrade: “Wir können nicht wissen, wer unter der Kathedrale begraben liegt. Bei Ausgrabungen sollen dort sogar Frauenknochen gefunden worden sein.”

Kopfloser Märtyrer

Legenden zufolge wurde der Leichnam des 44 n. Chr. geköpften Apostels von Jerusalem nach Santiago überführt. Jünger sollen den kopflosen Märtyrer auf ein führerloses Schiff aus Stein verladen haben, das von Engeln geleitet wurde. So kehrten die Überreste des Heiligen Jakob “zurück” nach Galicien. Und somit auch das Christentum auf die iberische Halbinsel, denn der Heilige Santiago war, als er noch lebte, als Prediger des Wortes Gottes nicht erfolgreich gewesen.

Die Kirche anerkannte diese Version und die (höchst zweifelhafte) Echtheit der Gebeine. “Ich will daran glauben, dass er wirklich da war, denn das ist die Basis unserer Arbeit. Aber natürlich ist es eine Frage des Glaubens”, stellt Santos nüchtern fest. “Auch wenn die Wallfahrt möglicherweise eine einzige Farce ist, so haben über Jahrhunderte Millionen von Menschen fest daran geglaubt, dass Santiago hier begraben liegt – und sie sind extra deswegen hierhergekommen”, ergänzt der Historiker Andrade.

Bis zum 7. Jahrhundert findet Jakob nahezu keine Erwähnung, ehe er unter dem asturischen König Alfons II. zum Nationalheiligen und zum Sinnbild der Rückeroberung Spaniens wird. Alfons II. lässt die Kathedrale von Santiago de Compostela über dem angeblichen Grab errichten und ernennt die Stadt nach Jerusalem und Rom zum drittwichtigsten Wallfahrtsort der Christen.

Sechs andere Städte berufen sich heute ebenfalls darauf, Jakobsreliquien zu besitzen. Die armenische Kirche behauptet sogar, im Besitz des gesamten Leichnams inklusive Kopf zu sein. “Zumindest geographisch wären sie näher”, scherzt Andrade. Die katholische Kirche akzeptiert diese sechs Ansprüche natürlich nicht.

Im Gegensatz zu allen Legenden über den Apostel fanden Reconquista und Inquisition in Spanien tatsächlich statt. Unter der Symbolfigur des Heiligen Jakob als religiösem Motivator wurde ein brutaler Kreuzzug der Christen gegen alle Ungläubigen geführt. Mauren, sephardische Juden und Ketzer, die den strengen Regeln der katholischen Kirche widersprachen, wurden aus Spanien vertrieben, gefoltert oder getötet. Überlebende Ketzer mussten zur Strafe eine Wallfahrt nach Santiago machen. Das Charakterbild des bis dahin friedfertigen Missionars änderte sich schlagartig und grundlegend: er wurde ein Krieger Gottes. Der Heilige Jakob wurde nicht nur für militärische Zwecke der Kreuzritter missbraucht, sondern erhielt sogar den schrecklichen Beinamen Matamoros (Maurentöter).

Die Beziehung zwischen dem Apostel und dem Krieg war seither eine sehr intensive. Santiago war nicht nur Matamoros , sondern auch Mataindios bei der Kolonialisierung Amerikas durch die Spanier, bzw. Matacompostelanos bei der gewaltsamen Unterdrückung jener, die nicht an sein Grab glaubten. Im Spanischen Bürgerkrieg ließ Diktator Franco im Namen Matarojos unzählige republikanische Gegner töten.

Die traumatisch traurige Geschichte des Gotteskriegers findet sich in etlichen christlichen Bildwerken wieder, sogar in der Kathedrale von Santiago selbst. Ein zu Pferde sitzender Jakob galoppiert mit blutigem Schwert und grimmigem Blick einher. Unter den Hufen seines Schimmels verenden Mauren. “Wir haben diese Bilder mit Blumen versehen, so dass es aussieht, als ob Santiago über eine Wiese reitet”, murmelt ein zerknirschter Santos. “Heute nennen wir ihn einfach nur Santiago, Mayor (der Große/der Ältere).” “Damit versucht die Kirche ihre Schuld zu verschleiern”, entgegnet Andrade und fügt hinzu: “Der Erfolg des Jakobsweges liegt im Tod des schlechten Images von Santiago”.

Trekking statt Askese

Trotz seiner Vergangenheit gilt der Jakobsweg heute als beliebtester Weitwanderweg der Welt – auch wenn die Ideologie der meisten Wallfahrer heute keine rein religiöse ist. Die wenigsten Pilger wissen von der blutigen Geschichte des Jakobsweges und seines Namengebers. Bei ihnen stehen vielmehr Urlaub, Abenteuer oder das modische “Trekking” im Vordergrund. Askese und Abgeschiedenheit wurden abgelöst von Package-Bustouren inklusive Viersterne-Hotels, stark überlaufenen Wegen und lästigen Mitpilgern. “Der Grundgedanke des Weges hat sich verändert”, konstatiert Santos. Die Kirche bemüht sich jedenfalls um religiös motivierte Pilger: “Bei uns sind Spiritualität, Kultur, Natur und Gastronomie vorrangig. Unser einziges Ziel ist es, viele Besucher nach Galicien zu bekommen, unabhängig von Herkunft, Kultur, sozialem Stand oder Religion.”

“Anerkannte” Pilger

Die Pilgerurkunde Compostela wird nur an jene vergeben. die zumindest die letzten einhundert Kilometer zu Fuß, zu Pferd oder Esel, bzw. die letzten zweihundert Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt haben. “Aus – mehr oder weniger – christlichen Motiven”, wie das Informationsblatt des Pilgerbüros in Santiago behauptet.

Im ersten Xacobeo 1993 gab es knapp 100.000 solcher “anerkannter” Pilger. Jenaro Cebrian erwartet lange Warteschlangen vor seinem Büro im kommenden Sommer. Als Leiter des Pilgerbüros ist er besorgt: “Schon vergangenes Jahr kamen an Spitzentagen bis zu 1500 Pilger zu uns, um sich die Compostela zu holen. Wie sollen wir diese Menge heuer bloß logistisch bewältigen?”


Ohne Schmerz kein Ruhm – das gilt nicht nur auf dem Jakobsweg. Foto: Zinggl

Mit der Vermarktung des fragwürdigen Heiligtums hat sich das Unternehmen Jakobsweg heute zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt. Entlang der Strecke entstanden unzählige Einrichtungen: Massage- und Relaxsalons, Physiotherapeuten, Bars, Restaurants und Souvenirläden, die allerlei anbieten: vom Jakobsweg-Kaffeehäferl bis zum Jakobsweg-Traumfänger für ruhige Nächte in der Herberge. “Es ist zu einer richtigen Industrie geworden”, sagt Andrade kopfschüttelnd: “ein Disneyland der Spiritualität”.

Für Spaniens Wirtschaft mag der Camino zwar keine Hilfe in der Krise sein, aber für Galicien ist es die einzige Möglichkeit, um Touristen anzulocken. “Viele Orte in Galicien wollen neue Jakobswege ins Leben rufen, um auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen”, erklärt Andrade. Bis auf das Modeimperium Inditex (Zara) und ein paar Häfen gibt es in der nordwestlichen Region kaum industrielle Wirtschaft. “Wir haben weder die Attraktionen von Barcelona oder Granada, noch das Wetter der Kanarischen Inseln. Mit dieser Art von Tourismus können wir nicht konkurrieren”, erklärt der Historiker.

Portugiesischer Weg

Paula Vilchez stammt aus Galicien und lebt in Santiago. Aus religiösen oder spirituellen Motiven wandert die Medizinstudentin aber nicht den Weg. “Ich mache das nur zum Spaß und um Leute aus verschiedenen Ländern kennen zu lernen. Manchmal ergeben sich dabei sogar Flirtmöglichkeiten.” Ein Lächeln macht sich auf ihrem blassen Gesicht breit.

Die 26-Jährige marschiert über den Portugiesischen Jakobsweg, denn der Camino Francés ist ihr zu überlaufen. “Da musst du um drei Uhr morgens schon losgehen, um in der nächsten Herberge noch einen Platz zu ergattern.” Doch auch der Portugiesische Weg bereitet ihr wenig Freude, da einige Abschnitte direkt auf der Straße verlaufen, wo Autos vorbeirauschen. “Das ist gefährlich und unattraktiv”, kritisiert Paula.

Pilgermanager Ignacio Santos weiß um die Nachteile des Portugiesischen Weges Bescheid. Dennoch braucht er Ausweichrouten, vor allem im Xacobeo -Jahr. Um den Hauptweg zu entlasten, werden zehn alternative Wanderwege in Galicien stark beworben. Und die Strategie funktioniert: heuer hat sich bereits ein Viertel der Besucher dazu entschieden, andere Jakobswege zu erforschen.

Das muss auch so sein, denn die Herbergen am Originalweg werden die erwarteten Pilgermassen kaum unterbringen können. Neben der Errichtung neuer Gasthäuser wurden temporäre Unterkünfte geschaffen, die zu Stoßzeiten zwischen Juni und September zum Einsatz kommen sollen. Insgesamt können dann 6500 Pilger pro Nacht beherbergt werden. Bei höherem Andrang gibt es natürlich immer noch Quartier bei etlichen privaten Backpackers, Hotels und Pensionen. Auch Campingplätze und Sportanlagen werden in Unterkünfte umfunktioniert. Im schlimmsten Fall stellt die spanische Armee Zelte zur Verfügung.

Vor wenigen Jahren waren die öffentlichen Herbergen in Galicien noch kostenlos. Mit dem Boom, den die Pilger ausgelöst haben, entwickelte sich jedoch das wirtschaftliche Interesse der einzelnen ayuntamientos (Stadtverwaltungen) am Massentourismus, so dass heute fürs Nächtigen bezahlt werden muss. Santos sieht die Kommerzentwicklung aber nicht nur kritisch: “Über hundert kleine Dörfer entlang der Strecke leben von den Pilgern, da sonst keine Touristen dort vorbeikommen. Manche dieser Dörfer waren kurz vor dem Aussterben, ehe der Aufschwung in den neunziger Jahren begonnen hat.”

Paula Vilchez widerspricht: “Heute geht es hier doch nur noch ums Geld. Das ist sehr traurig”, klagt die Medizinstudentin. Der Historiker Andrade sieht bereits das Ende dieses Erfolgsweges nahen: “Der Massentourismus mag zwar viel Geld bringen, aber er verwandelt Santiago in ein Mallorca der Spiritualität.”

Als Paula in der galicischen Hauptstadt ankommt, hängt schon wieder eine riesige schwarze Wolke über der Stadt. Ein Tag in Santiago ohne Regen? “Das ist wie ein spanisches Essen ohne Wein. Hier sagt man, dass der Heilige Jakob persönlich uns so viel Regen schickt. Aus Rache dafür, dass wir behaupten, er wäre hier begraben.”

Martin Zinggl, geboren 1983 in Wien, ist Diplomand am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und Dokumentarfilmer. Er lebt zur Zeit in der Nähe von Santiago de Compostela.

Dieser Artikel ist am Samstag, dem 03. April 2010 im “extra” der Wiener Zeitung erschienen.
Link zum Original-Artikel.

Elbrus für Enthusiasten

001_cover.indd In der noch aktuellen Ausgabe 08/2009 von Land der Berge ist ein kurzer Artikel von mir erschienen. Nachfolgend findet ihr den gesamten Bericht über den Global Youth Summit der UIAA YC zum Nachlesen. Weiter Informationen zum GYS findet ihr hier.

Elbrus für Enthusiasten

Der Global Youth Summit, von der Jugendkommission der UIAA ins Leben gerufen, traf sich heuer zum zehnten Mal. Das traditionelle Ziel war dabei die Besteigung des Elbrus.

Während von Osten die morgendliche Röte über die schneeweißen Berge schwappt, frage ich mich kurz, was ich hier verloren habe. Doch schnell verfalle ich wieder in die Aufstiegsroutine. Zwei tiefe Atemzüge werde ich benötigen, um der Firnflanke einen weiteren halben Meter abzuringen. Nur mühsam kann ich im Schneesturm das Gleichgewicht halten.

UMF & UIAA YC Global Youth Summit 2009 zum Elbrus

Nicht die Strapazen, sondern der enorme Andrang der vielen Bergsteiger macht mir Kopfzerbrechen. In der bereits rötlich eingefärbten Nacht, vermummt und mit Stirnlampen am Kopf, taumeln zahlreiche Bergsteiger vor und hinter mir die Flanke hoch. Der Wind bläst die eintönige Hintergrundmusik zu diesem grotesken Bild. Viele von ihnen sind früh morgens mit Pistenfahrzeugen auf eine Höhe von knapp 4800 Metern heraufgebracht worden; frierend auf den Ladeflächen. Manche sitzen nun reglos im Schnee entlang der Aufstiegsspur und ringen nach Sauerstoff während der Wind die weißen Kristalle gegen die müden Körper peitscht.

Tausende Bergsteiger aus aller Welt besuchen jährlich den Elbrus im russischen Kaukasus, der geographisch gesehen – knapp aber doch – der höchste Berg Europas ist und somit zu den populären Seven Summits gezä hlt wird. Besteiger dieser sieben magischen Gipfel bezahlen oftmals viel Geld um sich ihre Träume zu verwirklichen. Für Reiseagenturen ein durchaus lukratives Geschäft. Dass unsere Unternehmung unter anderen Vorzeichen steht, bringt Alexander Zaidler, der ukrainische Expeditionsleiter, bereits beim langwierigen Bustransfer auf den Punkt: Viele wollen den Gipfel um jeden Preis erreichen. Wir, sagt er, sind hier um eine tolle Zeit zu haben und um im Zeichen des Friedens – wenn die Verhältnisse es zulassen – den Gipfel zu besteigen. „Because we are enthusiasts.”.

Wir, die Enthusiasten also – Deutsche, Dänen, Norweger, Rumänen, Holländer, Griechen, Engländer, Italiener, Malaysier, Israelis und Österreicher. Allesamt unter 30 Jahren und über die nationalen Verbände auf diese besondere Art der Elbrus-Expedition aufmerksam geworden. Die Rede ist von den Global Youth Summits, die von der Jugendkommission der UIAA ins Leben gerufen wurden um das Bergsteigen und Klettern mit Kindern und jungen Menschen als wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu fördern. Der 78 jährige Zaidler von der Ukrainian Mountaineering Federation veranstaltet diesen Summit am Elbrus heuer bereits zum zehnten Mal.

Abendstimmung auf der Akklimatisationstour (QUER)Auch Zaidlers Tochter Tatjana ist mitgereist und wusste nicht nur die lästigen und recht häufigen Check-Points der russischen Polizei zu bewältigen, sondern auch mit stoischer Ruhe die Ansprachen ihres Vaters zu übersetzen. Heuer ist sie zum ersten Mal dabei und will auch endlich selbst auf den Elbrus hinauf.

Wir steigen karawanengleich weiter an den keuchenden Bergsteigern vorbei über die Traverse in den breiten Sattel. Die Sonne hat sich bereits aus dem Nachthimmel geschält und erwartet uns mit Wärme. Nicht alle von uns werden wenig später den Gipfel erreichen. Auch Tatjana nicht. Sie wird nächstes Jahr wieder kommen um mit anderen jungen Enthusiasten den höchsten Berg Europas zu besteigen.

Mehr Informationen zu den Global Youth Summits auf: www.theuiaa.org/act_youth.html

Elbrus, 5642 m

Elbrus SuedrouteAbstieg auf der Südroute auf etwa 5.000 m

uiaa-youth-summitUIAA Global Youth Summit zweiter und letzter Teil. Wie bereits im vorherigen Artikel zu lesen, waren jungen Menschen aus einem knappen Dutzend verschiedener Länder aufgebrochen, um im Zeichen des Friedens gemeinsam den höchsten Berg Europas zu besteigen. Der Leiter und Organisator der Expedition Alexander Zaidler musste auf die Fähigkeiten von jedem von uns richtig eingehen und hat uns unter diesen Umständen bestmöglich auf die Besteigung vorbereitet.

Der Aufstieg begann in Azau wo wir die neue 6er-Gondel als Aufstiegshilfe nahmen. Wie sich aber bald herausstellen würde, nur bis zur Mittelstation. Die zweite Traktion legten wir mit einer altersschwachen, aber noch funktionierenden Einkabinenbahn zurück. Vorsicht war nicht nur bei der mit einer Schnur verriegelten Tür geboten, sondern auch bei unserer Bekleidung. Rost soll nur begrenzt auswaschbar sein.

Bei der eigentlichen Bergstation erwartete uns ein sehr eleganter und luftiger Einmannsessellift. Was vom Sessel noch vorhanden war, das benutzte man um sich daran festzuhalten – mit 20 Kilo Gepäck am Schoß. Bei der Garabashi-Station angekommen versperrten die großen Ölfässer die Sicht auf den Gipfel. Die umgelegten alten Fässer (“Barrel-Huts) dienen heute als Unterkünfte für pauschalreisende Bergsteiger. Wir zogen weiter auf die Höhe der abgebrannten und wieder aufgebauten “Prijut-Hütte”. Dort schlugen wir schließlich unser Zeltlager auf. Erst einmal in Ruhe ankommen und den Rummel ignorieren (unzählige Pistenfahrzeuge kurven um unser Zeltlager herum).

Tag 2 begann mit dem gemächlichen Aufstieg zu den Pastukhova-Felsen auf eine Höhe von rund 4.800 m. An diesem so viel zitierten Felsen kann man nichts besonderes entdecken, bis auf die steile Stelle davor. Dass aber die Hangneigung oberhalb der Felsen empfindlich steiler werden würde, sollten wir erst tags darauf bemerken. Nach der zweiten Akklimatisationstour zu den Felsen erholten wir uns noch bei sommerlich warmen Temperaturen im Basis-Lager.

Der Gipfelanstieg begann um 2 Uhr nachts. Der Wecker läutete uns aus der ohnedies schon kurzen und schlafarmen Nacht. Draußen stob lautstark der Wind am Zelt vorbei. Das Müsli lag bereits im Topf bereit – Wasser darüber und auf den Gaskocher, sitzend im Schlafsack. Schließlich einen großen Schuss – wie man in der Landessprache zu sagen pflegt – Moloko darüber und fertig war das exquisite Frühstück. Essen. Tee trinken. Anziehen. Alles schon vorbereitet. Und sofort nach draußen, wo bereits die Kegel der Stirnlampen durch die  schwarze Nacht tanzten. Dann nochmals Wasser holen und Tee kochen. Dazwischen Windjacken und –hosen anziehen. Gamaschen nicht vergessen und ja, Steigeisen, die wohl wichtigsten Werkzeuge während des Aufstiegs.

Gemeinsam begann der Aufstieg und bis zu den Pastukhova-Felsen waren die Gruppe auch noch überschaubar nah beieinander. Doch dort oben lassen sich die Pauschaltouristen, die “Seven Summiters”, mit Pistenbullys hochchauffieren. Unglaublich aber wahr. Bei sturmartigen Wind leuchteten uns die Scheinwerfer der lauten Ungetümer ins Gesicht und fuhren an uns vorbei. Dort wo wir die heraufgekarrten Bergsteiger überholten, boten sich erstaunlich groteske Bilder. Der Bergsteiger links von mir eine unkenntliche Gestalt, eingemummt zum Schutz vor der Kälte. Der Bergsteiger zur Rechten lag bereits zum zweiten Mal im Schnee, das Atmen fiel sukzessive schwerer. Die Teilnehmer unserer Expedition waren nicht mehr auszumachen. Mehr dazu hier.

Nach der unglaublich steilen Passage unter dem Ostgipfel folgt ein langer und eher flacher Teil, den ich müde taumelnd zurück legte. Weit vorne versprach mir der Sattel wärmende Sonnenstrahlen und: die vielversprochene Rast. Dort saßen auch Einige von der UIAA Expedition. Mein einziger Langzeitbegleiter, seitdem der Wind uns drangsalierte und die steile Flanke herunter peitschte, war Georg. Die Rast war ausgiebig, aber bereits gehörig erschöpft war es nicht einfach die elementarsten Dinge zu erledigen, zu essen und zu trinken. Georg wechselte mich mit der Führung ab und in einem gewachsenen Team rund um Martin, Anastasiya, Maximilian und Georg gelangte ich Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug auf das Gipfelplateau und auf den kleinen sanften Hügel – den Gipfel.
Eisig kalt war es am nebelverhangenen Gipfel und ich war froh nicht mehr weiter steigen zu müssen. Meine Trinkflasche hatte ich wahrscheinlich in der Flanke verloren, so war ich um jeden Schluck von Martins Gatorade froh – halb auf Eis versteht sich. Das Einzige was jetzt noch zu bewältigen sein würde, war der lange und weite Abstieg. 9 Stunden haben wir bereits benötigt um hier oben zu stehen. Eine sehr lange Zeit für 1500 Höhenmeter, aber es schien guter Durchschnitt zu sein.
Was ich nicht wissen sollte: Ab 5000 regenerierte ich mich unglaublich schnell. Die Gedanken tauchten aus dem matschigen Sumpf auf und es klarte im Kopf auf – von einem Schritt auf den anderen. Wir entledigten uns der Steigeisen und stapften im sulzigen Schnee talwärts ins Basis-Lager. Über die (gesunde) Rückkehr glücklicher als über den Aufstieg selbst war ich vor allem eines: erleichtert alles geschafft zu haben und erleichtert, dass sich die monatlichen Vorbereitungen auf dieses Ziel bezahlt gemacht haben. Trotzalledem sei erwähnt, dass der Elbrus selbst nicht nur annähernd die Schönheit und Eleganz besitzt, wie seine Nachbarn im Kaukasus-Hauptkamm. Die Höhe und die Prominenz alleine brachten mich auf den Gipfel, nicht die Leidenschaft am Bergsteigen selbst. Aber eines weiß ich mit großer Gewissheit: der Kaukasus wird mich noch öfter zu Gesicht bekommen, schon alleine des Anblicks wegen.

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Höhenprofil
GPS-Track (Download mit rechter Maustaste “Ziel speichern unter…”.

Andyrchi, 3913 m

Andyrchi PanoramaDas Azau-Tal und die Stadt Elbrus am Fuße des gleichnamigen Vulkankegels

uiaa-youth-summitWie bereits vor einigen Monaten berichtet, fanden heuer erneut die Global Youth Summits statt. Die Jugendkommission der Union Internationale des Associations d’Alpinisme, kurz UIAA, ist Triebfeder der jährlich stattfindenden Veranstaltungen. Die Mitglieder der internationalen Vereinigung – die nationalen Verbände – richten diese meist aus. Die Intention dahinter: das Bergsteigen mit Kindern und  jungen Menschen zu fördern und so die gesellschaftliche Verantwortung dafür zu stärken.

Seit 10 Jahren bereits wird der UIAA YC & UMF Global Youth Summit im russischen Kaukasus durchgeführt. Allerdings besitzt der 78-jährige Expeditionsleiter und Organisator Alexander Zaidler keinen russischen Pass, sondern stammt aus dem ukrainischen Dnjepropetrowsk, denn Veranstalter ist jedes Jahr die Ukrainian Mountaineering Federation (UMF).

Details zu den Summits findet man auf der UIAA-Seite. Ich möchte nun die Akklimatisationstour auf den Andyrchi vorstellen. Der Hauptkette nach Norden vorgeschoben, zwischen Adylsu- und Adyrsu-Tal liegt die relativ kleine Adylsu-Kette. Am deren äußersten Ausläufern, in unmittelbarer Nachbarschaft des höchsten Gipfels der Kette (Kurmychi, 4058 m), ist unser Ziel gelegen. “Andyrchi” gibt uns der ukrainische Bergführer zu verstehen. Er deutet auf einen relativ flachen Felsriegel, der im Norden noch den letzten Rest des Schneeumhangs trägt. Zwar wäre es schön gewesen auf über viertausend Meter zu stehen, doch beim Blick in die Karte stellt sich heraus, dass wir nicht weit davon entfernt sein werden. Technische Schwierigkeiten gibt es nicht, dafür protzt der Berg mit einer fantastischen Rundsicht in die Kaukasus-Hauptkette, und: mit dem kleinen Detail der zweithöchste Gipfel im kurzen Kamm zu sein.

Vom Camp “Ochag”, dass von der Straßenkreuzung “Shkhelda/Adylsu” nur mehr zu Fuß oder mit Geländefahrzeugen zu erreichen war, folgten wir einem sehr steilen, aber gut ausgetretenen Weg direkt hoch in die Südflanke. Durch eine Waldschneise erreichten wir über üppige Steilwiesen eine kleines karges Plateau am Beginn des kurzen Südsporns. Dort schlugen wir das Zeltlager auf. Wasser entnahmen wir einer kleinen Quellen am Ende der langen Schneezunge.

Der weitere Aufstieg begann am nächsten Morgen über den besagten Sporn. Über Schutt und Sand erreichten wir den sogenannten VCSP-Sattel auf 3310 m. Rechts führt der Weg steil auf den Gipfel des Kurmychi, wir aber folgten dem linken Anstieg direkt am Grat oder etwas rechts am Firn bis zur flachen Gipfelkuppe. Einige von uns statteten noch dem nördlich vorgelagerten Gipfel einen Besuch ab. Die namenlose Spitze empfing uns mit leichter Kletterei.

Der Abstieg erfolgte auf der Anstiegsroute zurück zum Zeltlager. Drei Zeltgemeinschaften entschlossen sich eine weitere Nacht auf der Höhe von ca. 3200 m zu übernachten und trotzten einer kalten Nacht voll Hagel und Schneefall. Der Ausrüstungstest war erfolgreich abgeschlossen und bereits am nächsten Tag besserte sich das Wetter rasch. Wir konnten in aller Ruhe die Ausrüstung trocknen und uns dann optimal für die Fahrt zum Elbrus vorbereiten.

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Höhenprofil
GPS-Track (Download mit rechter Maustaste “Ziel speichern unter…”.

UIAA Global Youth Summit 2009

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Russland. Georgien. Zwei ehemalige Bruderstaaten in der kommunistischen Sowjetunion stehen sich militärisch und politisch an einer überaus reizvollen Gebirgskette gegenüber. Die Rede ist vom Kaukasus, der – möge man geographisch, politisch, oder anderwertig darüber streiten – Europa von Asien trennt; so die durchgesetzte Anschauung unter BergsteigerInnen. Zumindest für “Seven Summiters”.

Was in Österreich oder in den Alpen generell unvorstellbar wäre, nicht nur dieser unglaublich hohe Vulkanberg sondern auch die Art und Weise des Touristentransportes, ist, in Stereotypen gedacht, russisch von hinten bis vorn. Es funktioniert zwar nicht immer alles einwandfrei, aber die rostigen Ungetümer dienten bereits zu Sowjetzeiten und werden dies vermutlich auch noch lange tun. Dort wo die höchste Station der Seilbahn/Sessellift-Kette steht, erfreuen die hässlich berühmten “Barrel Huts” das sonnenempfindliche Auge und wer nicht in den “komfortablen” und alten Ölfässern nächtigen will, der steige weiter bis zur “Prijut 11”. Habe ich steigen gesagt? Fahre mit dem Ratrac (a.k.a. Pistenbully) dorthin. Auf die paar Rubel kommt es im Urlaub ja nicht an, oder?

Am nächsten Tag beginnen wir den Aufstieg mit einer nächtlichen Ratracfahrt zu den “Pastukhova-Rocks”, 4800m. Wahnsinn. Mont Blanc lässt grüßen. Wäre es nicht so steil würden die Ratracs vermutlich auch noch auf den Gipfel fahren um das Seven-Summit-Erlebnis für die dicke Brieftasche zu ermöglichen. Die Ski-doos machen es bereits vor und brausen an den FussgeherInnen vorbei, ihnen den Schnee ins Gesicht blasend. Nun frage ich mich kurz selbst im nächtlichen Ringen mit zu wenig Sauerstoff: Bin ich nun Radfahrer auf der Wiener Ringstraße, oder in knapp 5000m Höhe auf einem exponierten Punkt im russischen Kaukasus? Bevor die Antwort kommt bin ich wieder in die Aufstiegsroutine verfallen: Steigen, Atmen, Staunen…

Der Kaukasus ist mitnichten nur der Elbrus alleine. Es gibt dutzende und aberdutzende interessante Berggestalten im Blickfeld vom höchsten Punkt Europas, die wesentlich kühner und interessanter in den blauen Himmel ragen, als der berühmte Vulkankegel. Ein Detail fehlt – die Höhe. Ich wage hier zu behaupten, dass sogar Namen wie Ullu-Tau, Shkhelda oder zumindest Ushba – um nur einige zu nennen – in den Köpfen von AlpenbergsteigerInnen Platz haben. Und diesen meist unberührten Gipfeln einen Besuch abzustatten und wahre Bergluft einzuatmen ist das eigentliche Erlebnis im Kaukasus, dem sich jeder Besucher hingeben sollte, auch wenn er oder gerade weil er nur wegen einem einzigen Gipfel so weit gereist ist.