Mein Fußmarsch durch Afghanistan
Buchrezension von Martin Zinggl*
„…Es ist mitten im Winter, auf den Passübergängen liegen drei Meter Schnee, in jener Gegend gibt es Wölfe, und es ist Krieg! Sie werden umkommen, ich garantiere es Ihnen. Wollen Sie wirklich sterben?“ (Zitat aus Rory Stewart „So weit die Knie tragen“, S.18)
Was nach einem waghalsigen Abenteuerbericht eines Verrückten klingt, ist das literarische Ergebnis von Rory Stewarts Fußmarsch durch Afghanistan. Über einen Zeitraum von 21 Monaten wandert Stewart quer durch Zentralasien. „So weit die Knie tragen“ behandelt den Abschnitt von Herat nach Kabul, eine Strecke die einst Babur, der erste Großmogul von Indien unternommen hat und dessen Fußspuren Stewart in seiner Reiseerzählung folgt. Der Geschichteprofessor aus Schottland mag sowohl waghalsig als auch verrückt sein, vor allem aber ist er eines: entschlossen!
Im scheinbar ungünstigsten Moment – kurz nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen – bricht Stewart auf, um das krisengerüttelte Land und seine Bevölkerung zu entdecken. Einziger Begleiter Stewarts ist ein zahnloser Hund, den er liebevoll „Babur“ tauft.
Warum es zu diesem Marsch gekommen ist, beantwortet Stewart nicht wirklich. Der tatsächliche Grund für seine Wanderung ist eine Kombination von Motiven: intensiver Kontakt mit der Natur, Afghanistan als zentralen Schmelzpunkt unterschiedlicher Kulturen kennen zu lernen, einen Spaziergang durch die Weltgeschichte zu unternehmen.
Zwischen Taliban, Landminen und Durchfall, muss der Autor vor allem mit Machtspielchen hochnäsiger Militärangehöriger und Warlords, marodierenden Kinderbanden und zornigen Hundemeuten kämpfen. Dennoch zeigt uns Stewart ein Afghanistan fernab von Kriegen, Anschlägen und Entführungen. Überrascht über den Besucher aus einer anderen Welt und sein Vorhaben, wird Stewart beinahe immer gastfreundschaftlich von der Bevölkerung aufgenommen. Großzügig werden die wenigen vorhandenen Lebensmittel mit dem Gast aus Schottland geteilt. Sein gut fundiertes Wissen über Afghanistan und ausreichende Persischkenntnisse helfen Stewart nicht nur in der Sozialisierung, sondern auch brenzlige Situationen zu meistern.
Poetisch beschreibt der Autor Afghanistans atemberaubende Landschaft, die sich scheinbar „aus gewalttätigen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit zusammensetzt“. Er berichtet sowohl vom Leiden der Bevölkerung aufgrund interner theologischer und ethnischer Konflikte, als auch vom halbherzigen Einsatz der UNO und anderen internationalen Hilfsorganisationen. Aktuelle politische Geschehen in Afghanistan analysiert Stewart, indem er historische Ereignisse erklärt und die Zusammenhänge zur Gegenwart erläutert.
Seine scharfe Beobachtungsgabe verhilft Stewart zu einer detaillierten Beschreibung der afghanischen Kultur und seiner Besonder- und Eigenheiten. Mit beeindruckender Bescheidenheit erzählt er seine abenteuerliche Geschichte, genauso wie seinerzeit Babur. Auch wenn Stewarts Unterfangen sehr gefährlich ist, so streicht er dies nie heraus. Stattdessen konzentriert sich der Autor auf die Menschen, denen er begegnet, schildert anhand von Portraits einzelner Personen eine ganze Gesellschaft und beschreibt humorvoll ihre Rituale.
Wer von diesem Buch einen Abenteuerbericht erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Rory Stewarts Fußmarsch durch Afghanistan ist eine Ansammlung von geschichtlich fundierten Erläuterungen zur Kultur dieses zerrüttelten Landes. Authentisch, intelligent, informativ, ehrlich und aus anthropologischer Sicht sehr interessant. Eine ordentliche Portion aus Mut, Kraft, Wille und Glück lassen den jungen Mann schließlich sein Ziel - Kabul - erreichen, wo er später eine NGO zur Erhaltung des kulturellen Erbes Afghanistans gründet.
*Martin Zinggl ist Diplomand am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, freier Autor und Dokumentarfilmer. Ab sofort wird er hochtourist.at regelmäßig mit Beiträgen versorgen.
“So weit die Knie tragen - Mein Fußmarsch durch Afghanistan” von Rory Stewart ist 2009 erstmals in deutscher Sprache als Taschenbuch erhältlich und bei Piper erschienen: € 9,95 [D], € 10,30 [A]. ISBN: 978-3-492-25422-9, 396 Seiten. 1. Aufl. 2009











































Neueste Kommentare